Test von Mr Creosote (verffentlicht 2002-04-22, zuletzt verndert 2007-06-28):


Ganze Generationen wurden mittlerweile von Sir Arthur Conan Doyles berhmtesten Charakter unterhalten. 221b Baker Street wurde zu einem Museum fr eine Person, die niemals dort gelebt, ja sogar niemals existiert hat! Und nur wegen einer zuflligen (?) Wahl eines Autors, der noch keine Ahnung hatte, was er gerade geschaffen hatte. Die Bekanntheit Sherlock Holmes' geht sogar so weit, dass eine Menge Leute glauben, er sei ein historischer Charakter!

Sherlock Holmes: Another Bow protzt mit dem Namen Bantams (dem Verlag der Bcher selber) auf dem Titelbildschirm. Als Konsequenz (?) ist es wie ein Buch aufgebaut: linear. Meistens bekommt man direkt oder auf sehr direkte Weise indirekt gesagt, wo man als nchstes hingehen soll. Und das ist dann auch schon meistens ein Gutteil der Lsung. Wie bei seinen "echten" Fllen kommt er durch Beobachtung zur Lsung, nicht durch Handeln. Es geht also darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Der Plot entfaltet sich auf einem Schiff. Der 1. Weltkrieg ist gerade vorbei. Sherlock Holmes hat sich schon lange von seinem Beruf zurckgezogen. Er und Dr. Watson reisen in illustrer Gesellschaft historischer Persnlichkeiten. Und natrlich, wie berall, wo der Meisterdetektiv auftaucht, werden Plne und Verschwrungen im Hintergrund geschmiedet. Die genaue Vorgeschichte ist in der Anleitung erzhlt (das sollte man auf jeden Fall lesen, sonst verliert man schnell im Gewirr der Namen die bersicht).

Insgesamt gibt es sechs Flle in nur fnf Tagen an Bord (von denen der erste nicht spielbar ist) zu lsen. Diese Flle geschehen nicht schn geordnet nacheinander - schlielich stimmen die Bsewichte ihre Aktionen nicht ab. Also ist es sehr wohl mglich (und wahrscheinlich), dass man nicht alle beim ersten Spielen lst. Um vollstndig zu gewinnen, muss man alle in einer Sitzung schaffen. Aber durchspielen ist auch mit nur einem Teil mglich.

Die parallele Struktur und das daraus resultierende Spielelement, den Spieler die Beobachtungen zu den verschiedenen Handlungsstrngen zuordnen zu lassen, gleicht den linearen Aufbau und den Mangel echter Rtsel wett. Weiterhin sind die Texte gut geschrieben, die Story ist gelungen. Das Spiel wird aus der Perspektive Dr. Watsons erzhlt, was etwas verwirrend sein kann, da man Sherlock Holmes spielt. Wenn man z.B. etwas untersucht, bekommen man logischerweise Watsons Beschreibung, nicht Holmes'. Und manchmal wird sogar nur die Beschreibung von Holmes' Handlungen ausgeworfen, was natrlich noch weniger bringt.
Die Spielengine ist rein textbasiert und der Parser folgt nicht dem traditionellen Infocom-Standard. Man kann beispielsweise mit Leuten reden ("talk to") und zu Orten gehen ("go to"). Aber er funktioniert gut genug, wenn man sich auf das Wesentliche beschrnkt. Die Grafik ist nicht allzu spektakulr: Der momentane Aufenthaltsraum wird als Hintergrund eingeblendet, darber kommen Charakterportrts der Anwesenden. Diese Portrts passen stylistisch, und das ist auch schon alles, was man ber die Grafik sagen kann.

Insgesamt ein Adventure fr Anfnger. Es ist kein Problem, es an einem Abend durchzuspielen, wenn man die Einfhrung in der Anleitung und die Texte im Spiel genau liest. Aber das Spiel entlohnt einen gengend. Und sobald man alle Rtsel gelftet und alle Flle gelst hat, kann man ja immer noch herumlaufen, und Unsinn verzapfen - es gibt ein paar richtig witzige Szenen, wenn man einfach unlogische Sachen versucht! Eine Designphilosophie, die leider mit den Textadventures untergegangen ist. 